Kritik annehmen? Andere Kritisieren? Über den Sinn von Kritik

(Gastbeitrag von meiner Mutter Ilona)

Obwohl wir alle ja gerne so tun, als ob wir gegenüber Kritik völlig immun wären, bleibt doch oft ein winziger Stachel zurück, der sich schmerzhaft in unser Selbstbewusstsein bohrt. Austeilen ist ja in der Regel immer einfacher als einstecken.
Was genau verletzt uns dabei eigentlich an Kritik? Ist es ein Gefühl des 'ausgegrenzt seins'? Bekommt dieses harmonische Gefühl, mit der Welt im Gleichklang zu sein, einen Riss? Haben wir tatsächlich die falsche Meinung? Ist unser persönlicher Geschmack wirklich so schlecht? Sind wir nicht normal? Sind wir einfach zu dumm etwas zu begreifen oder richtig zu machen?
Vielleicht ist es auch eine Mischung aus allem, die uns ins Wanken bringt.
Schön ist Kritik in der Regel nicht und leider in den meisten Fällen auch noch völlig unproduktiv. Weil es viel zu oft nichts mit wirklicher Technik zu tun hat, sondern mit dem ganz persönlichen Geschmacksempfinden.
Hätte Picasso mich gefragt, ob ich seine Bilder schön finde, so hätte ich das leider verneinen müssen. Ich bin nun einmal kein Fan von moderner Kunst, oder abstrakten Gemälden (manche haben zumindest schöne Farben). Ich erkenne darin auch nicht einen erweiterten Sinn oder finde mich nicht in diesen Bildern wieder. Ebenso hätte ich den Bauhaus-Stil nicht gefördert oder hervorgehoben. Doch es gibt viele Menschen, die gerade für das, was ich entsetzlich hässlich finde, Unsummen an Geld ausgeben. Sie können damit, so unvorstellbar das für mich manchmal ist, wirklich etwas anfangen.
Auch bei Büchern driftet der Geschmack weit auseinander. Wie oft lese ich Bücher, von denen ich begeistert bin, die bei Amazon eher mittelprächtig abgeschnitten haben? Wer ein Fan von Sebastian Fitzek ist, wird wahrscheinlich keine Freude/Nervenkitzel an den Wohlfühlkrimis von Tante Dimity empfinden – sind sie deshalb aber schlechter?
Der Autor Thomas Hardy (Tess), konnte mit der Kritik, an seinen Büchern, überhaupt nicht umgehen und hing die Schreibfeder an den Nagel – wer weiß, was den Lesern und auch ihm dabei verloren ging, an Lebensfreude und Gedankengut.
Sogar ein Profi wie Lord Byron, lag völlig in seiner Prognose falsch, dass der Name Shakespeare viel zu hoch gehandelt würde und bald schon untergehe. Egal wie gut sich jemand mit einem Thema auskennt, er kann trotzdem daneben liegen.
Wie der Alte Fritz ja schon so schön sagte: „Jeder sollte nach seiner Fasson selig werden.“
Allerdings, und hier liegt der Hase im Pfeffer, macht es ungeheuer Spaß unserer Meinung und unserem erlesenen Geschmack Nachdruck zu verleihen. Am besten das Ganze mit ironischem Witz, Sarkasmus, Zynismus und Schadenfreude würzen. Kritisieren macht Spaß und wenn man es richtig böse macht, haben auch andere ihre Freude - nur leider geht es immer auf Kosten des Kritisierten.
Da warnt das Buch der Bücher, die Bibel, zumeist vergeblich:  „Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht“.
Wie soll man denn dem anderen sonst deutlich machen, was der richtige Weg, Glaube, Geschmack oder Ansicht ist? Und wer könnte das besser beurteilen, als man selber?
Und schon sind wir beim Sinn und Unsinn von Diskussionen, die ja meist nur ein Austausch von Standpunkten sind, die jeder verteidigt und von denen man auch nicht abrücken möchte.
Ja, es ist schon eine Last, sich selber mal zurückzunehmen und den anderen im Glauben zu lassen, dass seine Weltsicht vollkommen in Ordnung ist.
Ich selbst spüre ganz genau, wie es sich in mir, bei manchen Themen, unangenehm im Magen zusammenkrampft, weil DAS doch wirklich SO nicht geht.
Dale Carnegie schreibt in seinem Evergreen ‚Wie man Freunde gewinnt‘ sinngemäß, er hätte noch nie einen Menschen getroffen, der nach Lob und Anerkennung nicht besser gearbeitet hätte. Ganz im Gegenteil! Die meisten Menschen arbeiten durch Tadel noch schlechter und bei vielen tötet es zudem jeglichen Ehrgeiz.
Dennoch ist Kritik 'In'.  Wir rufen selber noch dazu auf Feedback zu bekommen, schließlich verkünden Ratgeber, dass dies wichtig ist, damit wir uns verbessern. Doch was macht uns besser und was macht uns einfach nur anders?
Kritik die uns wirklich hilft, kommt von Menschen die wir bewundern oder denen wir tatsächlich eine Meinung zugestehen. Es wäre ja auch töricht irgendjemanden oder einfach einer Masse zu vertrauen. Wie Henry Ford meinte, wenn er die Menschen gefragt hätte, was sie wollten, hätten sie von schnelleren Pferden gesprochen und nicht von Autos.
Trotzdem gilt in unserer Gesellschaft: Wer nicht mit negativer Kritik umgehen kann, der muss es halt lernen. Schließlich sollten wir doch alle danach streben, bei einer großen Menge an Menschen 'Erfolg' zu haben und somit müssen wir immer schön im Zeitgeist mitschwimmen.
Vielleicht sollte man sich immer mal wieder, die Geschichte von Nasreddin Hodscha vor Augen halten, wenn jemand einen schmerzhaften Treffer mit seiner Kritik gelandet hat:

An einem schönen Tag sind Vater und Sohn unterwegs. Der Vater reitet auf dem Esel und der Junge läuft nebenher. Es dauert nicht lange und schon geht das Gezeter los, wie der Vater fröhlich auf dem Esel sitzen könne und der Kleine laufen müsste. Also steigt der Alte ab und hebt den Jungen auf den Esel, doch schon tönt es, wie der faule Bengel seinen armen Vater laufen lassen könnte. Um den lieben Frieden willens, nimmt der Vater hinter dem Jungen auf dem Esel Platz. Doch schon schimpft man, wie man den Esel so stark belasten könne. Also steigen beide ab und gehen neben dem Esel, bis der Nächste lautstark fragt, wie man denn nur so blöd sein könne?


Ergo – wie man es macht, es ist verkehrt. Letzlich, ist und bleibt Kritik, nur, dass ein anderer halt eine andere Meinung hat.

Kommentare

  1. Jeder Narr kann kritisieren, verurteilen, reklamieren - und die meisten Narren tun es auch.

    Andrew Carnegie

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  2. Hallo liebe Ilona,

    Kritik ist auch immer eine Einstellungssache. Manche meinen, sie könnten alles sagen, nur weil sie eine Kritik abgeben wollen. Andere trauen sich manchmal nicht mal den Mund zu öffnen, da es vielleicht als missverstandene Kritik gesehen werden könnte, obwohl man vielleicht nur helfen will.

    Immun sind wir wahrscheinlich alle nicht gegen Kritik, vor allem nicht gegen böse Verunglimpfungen und Anschuldigungen. Es ist auch immer die Frage, wer die Kritik ausspricht. Ist es ein wohlgesonnener Mensch oder jemand, der immer seine Meinung kundtun muss, obwohl es niemand hören will?

    Wahrscheinlich ist es einmal die Selbstkritik, die wir sowieso in unserem Inneren mit uns tragen, was uns so verletzlich macht, wenn uns jemand auch noch darauf aufmerksam macht, dass wir diese Schwächen und Fehler haben. Denn, ein Mensch, der sowieso mit sich zweifelt, ist meist mehr angreifbar, als einer der keine Zweifel hat. Außerdem wünschen sich solche Menschen mehr den je den Gruppenzusammenhalt oder eine Zusammengehörigkeit, die sie allerdings nicht erhalten, wenn sie ausgegrenzt werden oder das harmonische Gefühl was sie mit der Welt haben, wird dadurch zerstört. Wir haben alle ja auch eine gewisse Weltanschauung oder eine Sicht auf unsere Welt, die sich schlagartig verändert, wenn Sie durch andere zerrissen oder auch "nur" kritisiert wird. Wir fragen uns tatsächlich, ob wir die falsche Meinung haben. Oder sehen wir wirklich alles so falsch und die anderen richtig? Und da beginnt so auch der Teufelskreis der Selbstzweifler. Gerade auch diese Frage, ob man zu dumm ist etwas zu begreifen oder richtig zu machen, kenne ich nur zu Genüge. Egal wie diese Fragen beginnen, sie bringen uns schließlich in den Wahnsinn und unsere Welt ins Wanken. Wollen wir doch auch immer in Harmonie mit unseren Freunden und unserer Familie sein. Ist man zudem vielleicht noch ein besonders friedliebender Mensch, versteht man es noch weniger, wenn unangebrachte oder sehr harsche Kritik uns trifft.

    Tatsache ist, dass die Kritik die uns so sehr aus dem Wanken bringt und manchmal nur verletzen soll, tatsächlich völlig unproduktiv ist. Da wir uns wie jedes Lebewesen auch, mehr entwickeln, wenn wir positive Unterstützung erhalten, ist harsche Kritik ein No-Go. Besonders für die, die vielleicht sowieso schon im empfindsam dafür sind, zu wissen wo ihre Fehler sind und was sie noch an sich ändern müssen.

    Aber genau da liegt häufig der Fehler. Die meisten Kritiker können nicht abstrahieren, zwischen den Menschen, die diese Kritik brauchen und zwischen denen, die sowieso immer mit sich hadern. Jeder Mensch ist ein Individuum. Dementsprechend müssen wir unsere Kritik anpassen, damit wir diesen Menschen auch erreichen können.

    Und wie du so schön sagst, meistens ist Kritik auch nicht unbedingt objektiv, sondern eher subjektiv und zeigt nur das persönliche Geschmacksempfinden und nicht, was die Person wirklich ändern kann.

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  3. Ich glaube, Kunst ist auch etwas oder auch generell Unterhaltung, wo man sehr unterschiedlicher Meinung sein kann. Man sollte auch nicht ein Kriminalroman mit einem Cozy Mystery vergleichen. Darum mache ich das z.B. in Rezensionen so, dass ich nur Bücher miteinander vergleiche, die im gleichen Genre geschrieben sind. Dazu überlege ich mir, wie viel der Autor an Büchern schon geschrieben hat und ob es sein Erstlingswerk ist oder er schon ein fortgeschrittener Autor ist. Zudem ist die Frage, ob er das Buch als selfpublisher alleine herausgegeben hat oder mit einem Verlag, das heißt ob er oder sie viel Unterstützung von außen bekommen hat. Ein John Grisham kann ich nun wirklich nicht vergleichen mit einem Autoren, der gerade seine ersten Schritte versucht Richtung schreiben und der zwar wirklich sehr viele innovative Ideen hat, aber vielleicht noch nicht alles in seinem neuen Beruf weiß. Sowas kann man und sollte man nicht vergleichen.

    Zudem denke ich immer noch zwei oder dreimal mal nach, ob jetzt wirklich nur mein persönlicher Geschmack mich verleitet in meiner Rezension oder Einschätzung oder ob tatsächlich hier eine Verbesserung notwendig ist, wenn man es objektiv mit anderen Romanen et cetera vergleicht. Z.b. wenn wir den Bauhaus Stil sehen: Entspricht dieses Gebäude den Anforderungen dessen oder ist es nur ein Abklatsch oder ein bemühter Versuch?

    Außerdem finde ich es ehrlicher und besser, tatsächlich dann auch zu sagen, dass es die eigene Meinung ist und andere es vielleicht genießen könnten, man man selber aber einen anderen Geschmack hat. Wie ihr das schon tut.

    Ich glaube, wenn ein Buch mittelprächtig abgeschnitten hat, zeigt das häufig nur, dass es viele Reaktionen hervorgerufen hat, was ich nicht schlecht finde. Es heißt nur, dass es wahrscheinlich sehr mitreißend ist oder durchaus eine andere Perspektive aufzeigt. Ein Buch, das mittelprächtig abschneidet, ist häufig eine Goldgrube, da es sehr originell ist und zum Nachdenken anregt. Nun ist es aber so, das neue Ideen nicht immer gleich so angenommen werden und diese ja auch abschreckend wirken. Daher wird es auch manchmal schlechter bewertet, als ein Buch, was die selben Ideen aufwirft wie viele anderen.
    Cozy Mystery gibt uns ja auch ein ganz anderes Gefühl als ein Action geladener Hardcore Krimi. Bei einem cozy Mystery bin ich in guter Gesellschaft, wenn ich mir einen Tee mache und schön in der Decke Kuschel. Bei einem Hardcore Krimi bin ich so mit Spannung geladen, dass ich wahrscheinlich daran nicht mehr denken würde. Und trotzdem gibt uns beides etwas ganz Besonderes. Bei dem einen fühle ich mich geborgen und sicher und wohl und bei dem anderen kommt das Adrenalin. Zudem darf ich auch nicht vergessen in welcher Zeit der Roman geschrieben wurde. Ich liebe Stolz und Vorurteil und kann es doch nicht vergleichen mit Harry Potter oder Gossip Girl.
    Ich kann das teilweise sehr gut nachvollziehen. Deshalb sollte man auch nicht zu sehr auf Kritik sein Augenmerk richten, sondern darüber nachdenken, ob man selber seine Leistung steigern konnte und sich am Ende verbessert hat. Das weiß man meistens besser, als die anderen. Man muss nur wirklich in sich hinein horchen und nicht zu ängstlich sein, sich diese Frage auch zu stellen.
    Ja, bei Lord Byron kann man wirklich sehen, wie die persönliche Einschätzung oder auch die Meinung falsch sein kann. Vielen Dank, dass du das geteilt hast. Eure Erzählung und eure Vermittlung von Wissen macht immer Spaß!

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  4. Mich erinnert dass ein bisschen an Ratatouille. Der Kritiker hat ja auch angemerkt, den meisten Spaß erhalten manche Kritiker, die sich über andere lustig machen und besonders mit Sarkasmus und Zynismus arbeiten. Doch leider ist Karma a b*, wie man so schön sagt und man sollte nie damit so sehr hausieren gehen.
    Ich glaube, dass das Produkt, das wirklich Qualität bringt ist oder was sehr anwenderfreundlich ist oder gut ankommt, dasjenige sein wird, was hinterher sich durchsetzen wird.
    Es ist auch sehr schwer, den Unterschied zu sehen, wann man kämpfen sollte oder nicht. Also in dem Fall, wenn man eine Diskussion beginnen oder fortsetzen sollte oder einfach mal den Mund halten müsste. Ich komme auchbesser mit gutgemeinten Ratschlägen und Hinweisen zurecht oder auch mit Anleitungen, als nur mit Kritik und den Stress, den manche loswerden wollen. Weil wir ja auch nicht vergessen dürfen, dass Stress durchaus manchmal ein Motivator dafür ist, zu kritisieren und manchmal sogar auch zu hänseln.
    Genau das ist der Punkt. Wir müssen unterscheiden lernen, wann ist besser ist, der Masse zu vertrauen und wann man selber auf sich vertrauen sollte. Vorbei man das letztere eigentlich voraussetzen muss. Danke, dass du Henry Ford nennst. Er ist ein sehr passendes Beispiel dafür, ein Visionär, der ist nicht immer einfach hatte.
    Ich glaube, wir sollten auch weniger nach einer großen Menge an Menschen und einer Akzeptanz derer suchen, sondern lieber eine ausgewählte Masse an Menschen suchen, denen man vertrauen kann und die die Basis für einen Austausch und für die Kommunikation bilden.
    Die Geschichte mit dem Esel ist eine meiner Lieblingsgeschichten. Die Moral ist, man kann es eben niemanden recht machen. Vielen Dank für den Post.
    Schönes Wochenende euch beiden noch! Hoffe dass es Sina bald besser geht. Grüß bitte eure Liebe Emmi auch und liebe Grüße, Butterfly.

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