Achtsamkeitstraining mit Sherlock Holmes?


In den letzten Wochen scheint das Thema ‚Achtsamkeit‘mir immer wieder aufzulauern. Ich weiß, es liegt momentan im Trend und Trends kann man nicht so einfach ignorieren. Eigentlich hatte ich es auch schon für mich abgehakt, aber nun gibt es wieder ein paar neue Aspekte. Da lohnte es sich dann doch wieder ein wenig genauer hinzusehen, im wahrsten Sinne. 

Der wichtigste Grund, mich noch einmal mit dem Thema zu befassen, ist, dass Sherlock Holmes ein Meister der Achtsamkeit sein soll. Natürlich ist er das, aber man muss schon ein wenig nachdenken, um dies auch zu erkennen. Ich hatte die Serie einfach nur konsumiert, ohne den Charakter diesbezüglich zu hinterfragen.
Sherlock sieht nicht nur hin, er nimmt die Dinge wirklich wahr und anstatt die berühmten W-Fragen zu stellen, fragt er sein Unterbewusstsein angeblich etwas ganz anderes und das dazu noch ohne Wertung, nämlich: Was weiß ich darüber?
Scheinbar liefert uns unser Gehirn ganz andere Erkenntnisse, wenn wir mal nicht wie ein Journalist ‚Wer? Was? Wo? Wann? Wie? Warum? Woher?‘ wissen wollen. Ehrlich gesagt, könnte das sogar den feinen Unterschied ausmachen. Ich habe zur Überprüfung noch einmal die ersten BBC Sherlock Folgen gesehen und ja, diese These könnte stimmen. Unser Lieblingsdetektiv nähert sich vielleicht einfach einem Thema, mit einer anderen Methode.
Wir sind mit der Sherlock-Methode gezwungen achtsam zu sein. Ganz in der Situation, ganz dabei einen Gegenstand zu betrachten. Wer es also wenig reizvoll findet sich einen fernöstlichen Mönch zum Vorbild zu nehmen, kann es auch mit dem weitaus attraktiveren Sherlock probieren.


Ich habe in einem Interview mit einer Psychologin gelesen, dass wir mehrfach am Tag innehalten sollten, um fünf neue Dinge zu entdecken, sei es bei unseren Freunden oder dem vertrauten Umfeld. Sogar Ehen soll es retten können, wenn wir beginnen, den Partner schlicht wieder wahrzunehmen. Es könnte natürlich in diesem Moment auch in eine ganz andere Richtung gehen, denn warum sollten uns bei der Achtsamkeit nur positive Eigenschaften oder Ticks auffallen. Klar, ich höre die Achtsamkeitslehrer schon im Chor antworten: „Du sollst nicht bewerten.“ Aber was geschieht, wenn ich, dank meiner Achtsamkeitsübungen bemerke, dass mein Partner nach einem fremden Parfüm riecht? Da wird dann wahrscheinlich aus der ‚Nicht-Bewertung‘ ganz schnell ein Streit mit ihm.

Der andere Aspekt, der mich fasziniert hat, war, dass wir uns besser fühlen sollen, wenn wir achtsam Kunst wahrnehmen. Wenn wir uns auf Bilder einlassen, sollen sogar unsere Schmerzen reduziert werden. Ganz nebenbei werden wir wohl auch ruhiger.
Ich habe es im Wartezimmer meines Arztes ausprobiert. Vermutlich war ich noch nicht geübt genug, denn wirklich geholfen, hat es bei mir nicht. 
Anstatt die Berichte in den Zeitschriften zu lesen, habe ich mich auf eines der Bilder konzentriert.
Zunächst einmal habe ich ohne Wertung, also immens achtsam, einfach nur bemerkt, was ich sehe. Das Bild, mit dem ich es versuchte, war ein angelaufener Bronzetopf, der in irgendeinem Museum steht. Ich sah verschiedene Türkistöne. Ich sah Kreise. Ich sah Punkte. Und so weiter.
Dann stellte ich mir die Frage, was die Menschen mit dem Topf wohl früher gemacht haben. 
Bei einem anderen Bild würde man sich jetzt zum Beispiel fragen, was der Maler oder Fotograf damit ausdrücken wollte. Welche Stimmung wurde eingefangen? Bilder wurden schließlich nie gemalt, um passiv an irgendeiner Wand zu hängen, sie sollten nicht nur hübsch anzusehen sein, nein, die Künstler wollten etwas bei dem Betrachter bewirken. 
In meinem Fall stellten sich dennoch andere Fragen. Schließlich handelte es sich um einen alltäglichen Gegenstand. Wem gehörte wohl der Topf? Wie sah er im damaligen Umfeld aus? Wer waren wohl die Besitzer?
Und erst dann wertet man. Wie finde ich es? Was löst es bei mir aus? 
Man könnte sich jetzt auch wie Marcel Proust fragen, an was es einen im realen Leben erinnert. So hat er bei alten Gemälden, immer nach Ähnlichkeiten zu ihm bekannten Personen gesucht.
Je interessanter und schöner wir die Bilder finden, desto besser wirken sie auch auf unser Wohlbefinden. Vielleicht war es mein Fehler, mit dem Bild eines alten Topfes zu beginnen. 

Und wer jetzt noch ein stichhaltiges Argument benötigt, um fleißig Achtsamkeitsübungen zu machen – sie helfen auch beim Schlafen. So sollen wir, wenn wir nachts wach liegen, einfach die Sinne durchfragen und uns wirklich ohne Wertung auf unsere Umgebung einlassen. Was höre ich? Was fühle ich? Was sehe ich? Was rieche ich? Was schmecke ich?
Nur schlecht, wenn der Partner schnarcht oder die Dielenbretter knacken. 

In diesem Sinne spiele ich jetzt mit mir selbst 'Ich sehe was, was du nicht siehst'.



Kommentare

  1. Hallo liebe Glimmerfeen,
    Wenn man seine Sinne schärft (also im Hier und Jetzt ist), fallen einen ja auch mehr Dinge auf. Da ist natürlich auch die Frage, ob wir nicht nur anderen, sondern vielleicht uns selber auch mal mehr Achtsamkeit schenken sollten. Vielleicht riecht der Partner ja auch nach einem fremden Parfum aus einem anderen Grund.
    Ich frage mich gerne, was macht die Farbe mit mir? Was macht das Motiv mit mir? Und auch das kann man ganz analysierend mal in Gedanken durchgehen. Was bewirkt (die Farbe / Komposition) in mir? Was bedeutet das und warum hat es diese Wirkung auf mich? Sollte ich daran arbeiten? Am besten man macht sich dazu Notizen.
    Dann schiebt man natürlich auch die Frage weg, warum das Bild genau diese Gefühle auslöst und dann ist entweder die Frage, warum kann ich jetzt nicht darüber nachdenken bzw. welche Gründe liegen in meiner Vergangenheit oder ist es ein Grundmotiv meines Charakters nahe. Die objektive Rolle kann man auch gut einnehmen, wenn man darüber nachdenkt, ein Nebendarsteller eines Buches zu sein. Was ist jetzt also meine authentische Reaktion? Ist es meine Reaktion oder dass der Gesellschaft? Was sagt die Gesellschaft darüber aus? Ist dies eine Wertung, also finde ich es negativ und ist es wirklich so schlimm, dass es eine Apokalypse auslösen könnte oder kann ich einfach darüber schlafen?
    Ein paar Gedanken zum Nachdenken. Liebe Grüße, Butterfly

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke, das ist wirklich Stoff zum nachdenken.

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts